Kurzgeschichte von Laura

Laura hat, im Zusammenhang mit einer Geschichtsepoche in der Schule, eine Geschichte geschrieben. Mich hat sie sehr betroffen gemacht und ich möchte sie euch nicht vorenthalten.

Ich bin eine Jüdin - eine Jüdin zu sein ist nichts Schlechtes!

Ich blickte ängstlich um mich, doch ich konnte nichts erkennen. Um mich herum war es stockfinstere Nacht.

Ich fröstelte und zog meinen dünnen Mantel enger um mich. Es war sogar für Juli noch ziemlich kalt, vor allem in der Nacht.

Leise schlich ich weiter: Eigentlich durfte ich mich in der Nacht nicht hier draußen aufhalten, das war streng verboten, denn es war Ende Juli 1940, also ungefähr zweieinhalb Monate nachdem Hitler und die deutsche Armee in Belgien eingefallen war.

 

Vor mir tauchte ein Schatten auf: Erschrocken duckte ich mich und hielt die Luft an. 

Ich wartete ein bisschen und starrte angestrengt in die Dunkelheit vor mir: Doch der schwarze Umriss bewegte sich nicht und entpuppte sich letztendlich als ein Bauernhaus. 

Ich schlich näher, immer angestrengt auf jedes Geräusch achtend. Plötzlich klappte eine Tür. 

Mein Herz raste und ich sah voller Entsetzte, dass auf dem Hof Licht angemacht wurde. Ich wagte nicht mehr zu atmen: Ein Mann mit einem Hund kam aus einem der Häuser.

Der Hund schnüffelte in die Luft und begann zu bellen.

 

Hilfe, dachte ich. Jetzt finden sie mich und liefern mich den Moffen (Deutschen) aus!

Ich sah, wie der Hund an der Leine zerrte: In meine Richtung!

Er bellte und ich sprang auf und ergriff die Flucht.

Der Mann ließ sich von dem Hund ziehen. Ich drehte mich um und blickte zurück, um meinen Vorsprung abschätzen zu können. Da passierte es: Ich prallte in vollem Lauf gegen irgendetwas, das unmittelbar vor mir aus der Dunkelheit aufgetaucht war, es gab ein dumpfes Geräusch und ich sank benommen  zu Boden.

Mein Kopf dröhnte und in meinen Ohren hörte ich das Blut rauschen.

Bloß nicht aufgeben, hämmerte es in meinem Kopf. Ich raffte mich auf, doch es war schon zu spät: Jemand leuchtete mir mit einer Lampe direkt ins Gesicht.

Ich blinzelte ein paar Sekunden angstvoll ins Licht, dann setzte ich mich langsam auf und wartete auf einen günstigen Moment, um vielleicht doch noch zu entkommen. Es kam aber ganz anders!

  „Na, wen haben wir denn da?“ fragte der Mann freundlich.

  „Mich.“ Antwortete ich knapp und schaute bebend zu Boden.

  „Ganz ruhig.“ Sagte der Mann, „komm, ich bringe dich erst einmal hinein und wir schauen, ob du dich verletzt hast.“

  „Nein!“ sagte ich atemlos, doch der Mann packte mich schon am Arm und führte mich mit festem Griff zum Haus und hinein durch die Tür in eine heimelig eingerichtete Stube. Tausend Ängste schossen mir durch den Kopf – wenn ich in die Helligkeit komme, sieht er, dass ich eine Jüdin bin – dann war’s das – für immer….

  „Ruth! Sieh mal, wen ich dir hier bringe!“ rief der Mann und an mich gewandt fuhr er fort: „Ruth ist meine Frau.“ Ich drehte den Kopf weg, dass er mein Gesicht nicht sehen konnte.

  „Ja, Leo?“ eine kleine, rundliche Frau hatte die Stube betreten.

  „Ich habe hier ein junges Mädchen von der Wiese gepflückt, sieh hier.“

Der Mann schob mich weiter in die Stube hinein. Meine schwarzen Haare fielen mir wirr ins Gesicht und ich hoffte, dass es meine jüdischen Züge genug verdeckte.

  „Wer bist du?“ fragte die Frau und lächelte mich freundlich an.

Ich schaute weg, um mich nicht zu verraten, aber die Frau hatte schon verstanden und sagte: „Dass du eine Jüdin bist steht außer Frage: Eine Jüdin zu sein ist aber nichts Schlechtes! Beruhige dich, Kind. Nein eine Jüdin zu sein ist nicht schlecht, nur in den heutigen Zeiten gefährlich. Bist du denn auf der Flucht vor den Deutschen?“ fragte die Frau weiter.

  „Ich… ja. ich bin auf der Flucht.“ Antwortete ich zitternd, nun brauchte ich mich ja nicht mehr zu verleugnen, dafür war es schon zu spät. Ich wagte einen Blick in die himmelblauen Augen der Frau und konstatierte, dass die Augen gütig waren. Ich schöpfte Mut.

  „Wirst du verfolgt?“ war die nächste Frage der Frau.

Ich blickte kurz aus einem der Stubenfenster und antwortete zögernd: „Ich glaube nicht -, ich meine, - ich hoffe nicht.“

  „Na komm. Mal sehen wie lange du bei uns bleiben kannst.“ Erwiderte die kleine Frau gutmütig. „Auf dem Dachboden kannst du dich erst einmal verstecken.“ Mit diesen Worten brachten sie mich zu einer kleinen Tür.

  „Ich bringe dir gleich etwas zu essen, du bist ja spindeldürr!“ die Frau musterte mich mitleidig.

  „Ach, und ich bin Frau Neno. Aber du darfst mich auch Ruth nennen.“

Ich murmelte einen leisen Dank und schlüpfte durch die aufgehaltene Dachbodentür, die hinter mir zuklappte.

Auf der steilen Bodentreppe verweilte ich einen Augenblick. Meine hämmernden Kopfschmerzen ließen nach, als ich eine Weile geklettert war, ertastete ich in der Dunkelheit eine weitere Tür: Ich drückte die Klinke herunter und betrat den Raum. Hier oben war es wieder kühler, aber mir war nicht mehr so kalt wie vorher draußen in der gefährlichen Nacht.

Ich trat zu einem kleinen Dachfenster: Hier war es schon ein bisschen heller, denn der Tag graute.

Plötzlich vernahm ich ein rumpeln auf der Treppe:

Jemand kam zu mir herauf! Man konnte nie wissen - ich verkroch mich also schleunigst hinter einer Kommode. Die Bodentür ging auf und eine Lampe erhellte den Raum. Ruth war gekommen mit einem Krug und einer Schüssel.

  „He, wo bist du, kleine Jüdin?“

Beschämt kroch ich hinter der Kommode hervor.

  „Wie heißt du eigentlich?“ fragte Ruth neugierig.

  „Lena heiße ich, Frau Ruth.“

  „Schöner Name. Ich habe hier etwas Brei und warmes Wasser für dich, mehr haben wir leider auch nicht, aber es wird dich wärmen.“

Ruth stellte alles auf einen kleinen Tisch und sah mich auffordernd.

  „Was passiert jetzt mit mir?“ fragte ich bange.

  „Jetzt iss erst einmal.“ Forderte Ruth mich auf.

Schweigend löffelte ich den Brei und nahm hin und wieder einen Schluck Wasser. Als ich fertig war fragte Ruth: „Nun, erzähle, warum du ganz alleine in der Nacht draußen herumläufst. Noch dazu als Jüdin.“

Meine Zunge fühlte sich trocken an als ich tonlos antwortete: „Ich musste weg, denn da, wo wir untergetaucht waren, war ich nicht mehr sicher.“

Frau Ruth sah wahrscheinlich, dass sie nicht weiter fragen durfte.

  „Nun komm. Ich bringe dir eine Decke, dann kannst du dich hinlegen.“ Während Frau Ruth den Dachboden verließ, versuchte ich krampfhaft die Gedanken an meine Familie zu verscheuchen.

Ich war froh, als Ruth wieder zurückkam, da war es leichter, nicht an meine Lieben zu denken. Ruth wies mir einen Platz auf einem alten Sofa zu, das in der Ecke stand. Ich legte mich hin und Ruth deckte mich zu.

  „Wie alt bist du, mein Kind?“ fragte sie.

  „Sechzehn. Gerade erst geworden.“, antwortete ich.

  „Schlaf wohl, mein Kind. Morgen sehen wir weiter!“ Ruth verließ den Boden, ließ mir aber die Lampe da, die ein warmes Licht verströmte.

Ich blickte mich um. Es wurde schon hell, also drehte ich die Lampe aus und schloss die Augen.

Augenblicklich brach die Erinnerung der vergangenen Monate über mich herein, wie eine Welle eiskalten Wassers:  

 

Als am 10. Mai 1940 Hitlers Truppen in Belgien einfielen, waren natürlich alle entsetzt: Krieg! Krieg war schrecklich und dieser hier hatte zusätzliche Schrecken auf Lager.

Als wir, meine Mutter, mein Vater,  meine jüngeren Geschwister Susi und Jan in der Zeitung lasen, dass die Deutschen in Belgien eingefallen waren, begann Mutter zu weinen.

  „Nun sind wir verloren!“ klagte sie. „Die Deutschen wollen mich! Und dich! Und dich!“ Mutter zeigte auf jeden von uns, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.

  „Hör auf! Sie wollen einfach uns Juden.“ Stellte Vater richtig.

  „Wieso?“ fragte ich.

  „Weil Hitler die Juden hasst.“ Entgegnete mein Vater.

  „Aber wir haben Hitler doch nichts getan, oder?“ fragte Susi unschuldig.

  „Nein. Und doch hasst er uns.“ Schluchzte Mutter.

  „Beruhige dich, Lisa.“ Mein Vater streichelte Mutter über den Rücken.

  „Vielleicht wird es gar nicht so schlimm.“ Tröstete Vater.

 

So hat alles begonnen. Am Anfang schien alles noch recht normal. Doch schon bald wurden viele Geschäfte für Juden verboten. Dann auch Hotels, das Schwimmbad, das Kino. Einfach alles. Dann wurde Vater von seiner Arbeit entlassen. Wir mussten alle in eine jüdische Schule wechseln.  Überall waren Schilde angebracht:  Für Juden verboten.

Eines Tages kam Vater mit einem kleinen Päckchen nach Hause.

In dem Päckchen waren fünf gelbe, handtellergroße Sterne. In den Sternen stand schwarz: Jude.

  „Oh! Schön!“ rief Jan.

  „Darf ich so einen haben?“ fragte Susi.

  „Ja. Ihr dürft alle einen haben. Wir dürfen ohne ihn nicht mehr außer Haus gehen.“ Vater und Mutter wechseln einen kurzen Blick, den ich auffange und der mir ins Herz schneidet. Der schöne gelbe Stern hatte also einen hässlichen Beigeschmack.

„Lisa! Kannst du uns die Sterne aufnähen?“, fragte der Vater.

  „Wo?“ Mutter hatte ihren Nähkasten herausgeholt.

  „Auf die Brust, links.“ Erklärte Vater kurz.

  „Wenn wir je ohne Stern das Haus verlassen, muss man 1000 Gulden zahlen und hat sechs Monate Haft.“ Ermahnte Vater uns, der das beigelegte Schreiben, wie einen Beipackzettel, gelesen hatte. 

 

Also durften wir nun nur mehr mit dem gelben Stern auf die Straße.

Doch bald durften wir auch MIT dem Stern nicht mehr mit der Straßenbahn fahren und auch sonst waren wir auf der Straße ungern gesehen, trotz des schönen Sterns. Die jüdische Schule wurde aufgelassen und jeden Tag wurden jüdischen Familien von den Moffen abgeholt. Sie wurden in Arbeitslager gebracht.

 

Vater und Mutter beschlossen, mit uns unterzutauchen. Ein Freund von Vaters Freund wollte Juden helfen. Also bot er uns an, bei ihm im Keller zu wohnen.

Dafür bekam er von Vater Geld für das Essen und so weiter.

Wir mussten aber ein ziemliches Stück laufen.

Mutter erklärte: „Wenn wir kurz vor Herr Jansens Straße sind, lösen wir den gelben Stern von unserer Kleidung. Dann laufen wir unauffällig weiter.“

Mutter löste alle Sterne auf unseren Jacken und nähte sie dann nur an den Spitzen wieder an, sodass wir sie leicht herunterreißen und in die Tasche stecken konnten.

Dann zogen wir so viel an, wie wir konnten, ohne dass es zu stark auffiel. Wir durften nichts mitnehmen, denn das würde auffallen. Dann gingen wir auf die Straße.

Als wir eine Weile gelaufen waren, zischte Mutter: „Jetzt löst ihr unauffällig den Stern und steckt ihn in die Tasche.“

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Vor uns war die Straße leer. Ich atmete tief durch und riss mit einem Ruck den Stern von meinem Mantel.

Wir gingen noch zwei Straßen weiter und standen dann vor Herr Jansens Haus.

Herr Jansen hatte uns schon erwartet. Er öffnete uns die Tür und brachte uns in den Keller. Auf dem Boden waren ein Strohhaufen mit einem Leintuch darüber und fünf dünne Wolldecken. Erstaunt sahen wir uns in unserem neuen Zuhause um.

 

Wir wohnten einige Wochen in dem düsteren Keller und verhielten uns mäuschenstill: Ich hockte in einem Winkel und las. Das tat ich die meiste Zeit.

Ich lebte in diesen Geschichten. Um mich herum nahm ich kaum etwas wahr. So war es leichter auszuhalten.

Doch irgendwann waren auch die Bücher ausgelesen und mir wurde langweilig. Kalt war es auch im Keller. Also begann ich, den Keller etwas zu erkunden.

Ich kroch in jeden Winkel und fand letztendlich auch ein altes Sofa. Ich beschloss, dies als Geheimnis für mich zu behalten.

Von nun an verbrachte ich viel Zeit auf dem Sofa.

Eines Tages rutschte mir mein Löffel in eine Ritze des Sofas. Ich versuchte, ihn wieder zu ertasten, griff aber immer ins Leere.

Ich untersuchte also das Sofa genauer und war sehr erstaunt, als ich merkte, dass man das Sofa aufklappen konnte. Im Sofa war ein ziemlich großer Hohlraum. In diesem Holraum fand ich auch meinen Löffel wieder.

 

Zwei Tage später klopfte es laut und energisch an der morschen Kellertür. 

Eine laute, tiefe Stimme rief: „Heil Hitler! Aufmachen!“

Zu Tode erschrocken versteckten wir uns. Die Moffen! Es war um uns geschehen!

Ich rannte zu meinem Sofa und schlüpfte hinein. Es war knapp, aber ich war mittlerweile so dünn, dass ich ganz hineinpasste.

Mit klopfendem Herzen lauschte ich nach draußen. Schwere Schritte näherten und entfernten sich wieder.

Die Moffen suchten den Keller ab. Plötzlich rief einer der Soldaten: „Da! Ich hab einen!“

Sie hatten jemanden! Wer war es?

Die Antwort war ein durchdringender Schrei. Oh Gott, Jan! Sie hatten Jan gefunden!

Mir stiegen Tränen in die Augen.

  „Ein kleiner Jude!“ Einer der Moffen lachte hässlich und gab Jan eine schallende Ohrfeige.

  „Zum Teufel mit dir, Soldat, lass dieses Kind in Ruhe!“ Mutter!

  „Ah! Ein Weibsstück hat sich hier auch noch versteckt, ihr seid wohl noch mehr!“ wieder ein kehliges Lachen.

Da schrie Jan panisch: „Papa! Papa, so hilf uns doch!“

Halt den Mund, hätte ich am liebsten gerufen, aber Jan war wohl einfach noch zu klein um das alles zu verstehen.

  „Es ist also auch noch ein Mann  in diesem stickigen Gemäuer! Los, sucht ihn!“

Man hörte eine Weile nur Gerumpel, schlurfende Schritte und Jans Weinen.

Es dauerte nicht allzu lange, da zerrten sie Vater aus einem Winkel ins Licht. An sein Bein klammerte sich Susi.

Mutter begann laut zu weinen. Mir brach fast das Herz, als die Moffen meine Eltern und Geschwister durch die Tür stießen und die Schritte und Mutters Weinen sich immer weiter entfernten.  

Ich blieb noch eine Weile in dem Sofa liegen, dann stieg ich heraus.

Es war unheimlich still im Haus. Ich machte mich auf die Suche nach Herr Jansen. Herr Jansen war auch nirgends zu sehen. Wahrscheinlich haben die Moffen ihn auch mitgenommen.

Ich weinte und fühlte mich sterbenselend.

Wo sollte ich hin? Ich lief in die Küche und aß etwas. Das restliche Essen steckte ich mir in die Tasche.

In der Garderobe nahm ich Herr Jansens Mantel und Mütze.

Dann öffnete ich die Tür und rannte auf die Straße.

 

Ich rannte und rannte, bis ich unsere Kleinstadt hinter uns gelassen hatte. Wie durch ein Wunder wurde ich nicht aufgehalten.

Hier draußen waren nur vereinzelte Bauernhöfe.

Ich rannte querfeldein, bis es dunkel wurde und ich nichts mehr sah.

 

Und jetzt lag ich hier! Auf einem weichen Sofa und nicht mehr ganz so hungrig und frierend wie zuvor.

Doch die Trauer und die Angst waren nun meine treusten Begleiter.

 

 

 

Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich wieder erwachte, wusste ich zuerst nicht, wo ich war.

Doch langsam fiel mir alles wieder ein: die Aufgreifung meiner Familie und dann Ruth.

Ruth, die mir Essen brachte. Mir, einer Jüdin!

Die freundlichen Falten um ihre Augen. Und ihr gutes Herz.

Ich schloss meine Augen wieder.

 

Ein Geräusch ließ mich emporschnellen. Ich saß sofort habacht auf dem Sofa.

Doch es war nur Ruth.

  „Ruhig!“ flüsterte sie.

  „Weshalb?“, fragte ich, „sind die Moffen hier?“

  „Nein, nein! Aber Leo hat Besuch.“

  „Ach so.“ ich stand auf und streckte mich.

  „Hast du gut geschlafen? Hast du Hunger?“ Ruth schob mir neue Kleider hin.

   „Ja danke. Ich habe sehr gut geschlafen. Und ich habe auch Hunger.“ Sagte ich und lächelte schief.

  „Warte hier. Ich bringe dir etwas.“ Geschäftig lief Ruth die Treppe hinunter.

Als sie wieder kam, hatte sie ein Brötchen und ein Glas gewässerte Milch dabei.

  „Hier. Iss!“

  „Danke.“ Ich verschlang das Brot und trank die wässrige Milch.

 

Ruth und Leo Neno sorgten gut drei Jahre lang für mich und versorgten mich mit Neuigkeiten. Sie hätten mich auch bis zum Ende des Krieges versteckt, wenn nicht jemand etwas gemerkt hätte…

 

Im Winter 1943, als die Sowjetunion schon bis an die Grenzen von Rumänien vorgestoßen war, kamen eines Tages die Moffen mit einem Lastwagen.

Zuerst dachte ich, sie würden mich nicht finden, aber als sie dann begannen, immer näher an meinem Versteck zu suchen, bekam ich schreckliche Angst, und versteckte mich dann in einem Schränkchen.

Dort wartete ich eine Weile angstvoll.

Mit einem Knall flog die Bodentüre auf und ich hörte wieder, wie die Soldaten anfingen zu suchen.

  „Ha! Hier in dem Schränkchen!“ rief einer. Mir stand das Herz still.

Doch auf einmal wurde ich ruhig. Sollten sie mich doch finden. Wenn sie mich ins Lager schickten, würde ich vielleicht meine Eltern und Geschwister wieder sehen!

Ich zuckte zusammen, als die Türe des Schränkchens aufgerissen wurde.

  „Hier, Kameraden! Ich hab sie!“ ich wurde gepackt und ans Licht gezerrt.

 „Aha, aha. Ein Mädchen also. Sicher schon über 16.“ Sagte einer der Soldaten. An mich gewandt fuhr er fort: „Wo ist dein Personenausweis, hä, Mädchen?“

  „Ich… ich habe keinen.“ Sagte ich zitternd.

  „So? Wie alt bist du denn?“, aus zusammengekniffenen Augen schaute mich der Soldat an und trotz der lebensgefährlichen Situation musste ich daran denken, dass er mich, mit seinen kleinen Äuglein und dem Schwabbelbauch, an ein Hängebauchschwein erinnerte.

  „15.“ Log ich, obwohl ich wusste, dass man genau sah, dass ich nicht mehr 15 war, sondern älter. Denn man brauchte erst ab 16 einen Personenausweis. Mutter und Vater hatten auch einen Personenausweis: Mit einem Foto, dem Geburtsdatum und einem schwarzen J. - J für Jude.

  „Nein. Du bist eine Jüdin und bestimmt schon 18!“

Grob packten mich die Moffen und warfen mich in den Laster.

Ich landete auf etwas Weichem. Oh Gott! Als dieses Weiche stöhnte, wusste ich, dass es ein Mensch sein musste.

  „Hallo?“ flüsterte ich und krabbelte von dem lebendigen Berg herunter.

  „Wer ist da?“ flüsterten zwei Stimmen weiter vorne.

  „Lena.“ Antwortete ich und kroch in Richtung der zwei Stimmen.

Diese zwei Stimmen gehörten  Ruth und Leo.

Wegen mir wurden auch sie ins Lager gebracht. Wegen MIR!

Die Erkenntnis traf mich wie ein Hammerschlag. Zwei für das Leben von einer, die nun wohl auch nicht überlebt!

Langsam ruckelnd setzte sich der Wagen in Bewegung.

 

Zuerst wurden wir in eine Art Zwischenstation verfrachtet, wo wir alle unsere Kleidung abgeben mussten und einen blau-weißen Sträflingsanzug bekamen, der stank und schmutzig war. Wem hatte der wohl vorher gehört?

Dann wurden uns unsere Haare abrasiert.

Man packte uns wieder und warf uns in einen dicht verschlossenen Waggon, in dem schon sicher 50 weitere Menschen im Sträflingsanzug und mit abrasiertem Haar dicht aneinander gepfercht, standen.

Mir wurde übel. Der Waggon begann zu fahren. In eine ungewisse Zukunft…

 

 

 

 

 

  „Fürchte dich nicht, es wird schon wieder gut werden!“ flüsterte Ruth mit bebender Stimme, an der man hörte, wie sehr sie sich selber fürchtete und wie wenig sie an ihre eigene Aussage glaubte.

Doch ich fürchtete mich fast zu Tode. Da konnte Ruth reden was sie wollte.

 

Wir fuhren einige Stunden in diesem engen Waggon.

Doch schließlich mussten wir aussteigen.

Wir wurden mit knappen Worten und groben Schlägen und Stößen in eine Halle geführt und ein Soldat mit vielen Abzeichen an der Schulter, bellte: „Alle mal herhören! Ihr  seid hier im Konzentrationslager Auschwitz. Die Lebenserwartung von den normalen Häftlingen beträgt sechs Monate. Die Lebenserwartung der Juden beträgt sechs Wochen. Haltet also die Schlafenszeiten gut ein, dass ihr fit bleibt. Nun vorwärts!“

Ich folgte dem Strom wie in Trance.

Ich hatte noch höchstens sechs Wochen zu leben, dann war Schluss. Langsam sickerte diese Nachricht in mein Gehirn.

Dann war meine Familie wohl längst tot. Eine Träne löste sich und rollte über meine Wange.

  „Was ist denn mit dir los?“ eine sanfte, tiefe Stimme ließ mich aufschauen. Ein junger Mann, ca. 20 Jahre, im Sträflingsanzug und abrasierten Haaren, blickte auf mich herunter. In seinen Augen lag eine tiefe Trauer.

  „Ich habe gehofft, hier meine Familie wieder zu finden. Doch der deutsche Soldat hat gesagt, Juden leben nicht länger als sechs Wochen.“

  „Du bist auch Jüdin?“, der Mann sah mich ernst an.

  „Sei stolz darauf! Ich bin auch Jude.“ Sagte er dann und übte sich an einem Lächeln.

Ich schwieg. Was sollte ich darauf auch sagen? Stolz? …

  „Wie lange war deine Familie denn schon im Lager?“ fragte er unvermittelt.

  „Seit 1940.“ Sagte ich tonlos und konnte nicht verhindern, dass eine weitere Träne über meine Wange rollte.

  „Oh!“ der junge Mann schwieg betroffen.

  „Wie heißt du?“ fragte er dann schnell, weil er wohl einsah, dass mir mit Stolz nicht mehr zu helfen war.

  „Äh, Lena, und du?“ Ich wagte einen Blick in seine dunklen Augen.

  „Emanuel. Du kannst aber gern Manu zu mir sagen.“ Ich nickte nur flüchtig, denn im selben Augenblick wurde ich nach hinten gerissen.

  „Aua!“ schrie ich unterdrückt auf. Der Soldat, der mich festhielt, hatte mich aber gehört.

  „Tu nicht so wehleidig, dreckiger Jude! Du wirst dich bald an ganz andere Schmerzen gewöhnen müssen!“

Ich hielt sofort den Mund, was der Soldat mit einem rüden Schlag auf meinen Rücken quittierte, der mich vornüber taumeln ließ.

Wir wurden in eine Art Stall gebracht. Erst langsam wurde mir klar, dass dies die Schlafstellen sein sollten. Da gab es verschiedene Ebenen, eine Art Etagen, die mich ein bisschen an einen Hasenstall erinnerten.

Überall lag eine dünne Schicht Stroh Dreck und Staub.

Wir bekamen alle Nummern, die uns auf den Arm gebrannt wurden und  

einen Verschlag zugewiesen, in dem wir mit drei bis vier anderen Juden  schlafen  mussten.

Ein Soldat ließ uns in einer Reihe vor den Verschlägen aufstellen und dann wurde unsere jeweilige Nummer an der Stelle unseres Schlafplatzes auf ein Schildchen geschrieben. Eine Nummer – kein Name!

Ich lag neben einer schon länger Gefangenen und neben Manuel. Zu dritt in einem Verschlag.

  „Hey.“ Flüsterte Manu neben mir, „schön, dass wir zusammen liegen!“

Ich nickte nur und sagte nichts.

  „Du bist aber nicht sehr gesprächig.“ Stellte Manu fest.

  „Ist das unter diesen Umständen ein Wunder?“ frage ich heftiger zurück als gewollt. Er konnte ja auch nichts dafür, aber  schon wieder rollt eine Träne über meine Wange, die ich ärgerlich weg wische. Schließlich half es keinem, wenn ich hier herumstand und heulte.

Draußen wurde es schon dunkel. Es blies zum Abendapell. Wir kamen wieder in der großen Halle zusammen. Die Arbeiter, die schon vor uns im Lager waren, waren allesamt bis auf die Knochen abgemagert. So etwas hatte ich noch nie gesehen und mich überkam ein Zittern, das ich nicht mehr abstellen konnte. Ich suchte die Reihen nach einem bekannten Gesicht ab, fand aber keines.

Zum Abendessen gab es ein bisschen trockenes Brot zu essen und wässrigen Tee zu trinken. Ich brachte nichts runter und gab meinen Anteil Manu.

Dann mussten wir in Zehnerreihe antreten und wurden gezählt.

Wir waren 19000 und  waren vollzählig.

Danach mussten wir in den Waschraum. Es standen uns nur wenige Waschbecken zu Verfügung.

Als wir uns gewaschen hatten, mussten wir in den Schlafsaal, bzw. in den Stall, gehen. Ich legte mich sofort hin. Manu auch. Das Mädchen auch. Ein Mädchen! Noch sehr jung.

  „Wie alt bist du?“ fragte ich sie leise.

  „14.“, sagte sie.

  „Bist du Jüdin?“ fragte Manu.

  „Ja.“, scheu sah uns das Mädchen an.

  „Ich auch!“ sagte ich leise.

  „Du auch?“, hauchte das Mädchen.

  „Ja, ich auch. Wie heißt du?“ Ich versuchte zu lächeln.

  „Sarah. Ihr könnt Sarah zu mir sagen.“ Sarah begann zu weinen. Bestürzt schauten Manu und ich uns an.

  „Was ist denn?“ fragte ich sanft.

  „Sie haben gestern meine Mutter erschossen, vor meinen Augen!“ schluchzte Sarah.

  „Oh Gott!“ ich schlug mir die Hand vor den Mund.

  „Und wo ist dein Vater?“ fragte ich vorsichtig.

  „Auch tot. Schon seit drei Jahren.“ Hilflos streichelte ich über die zuckenden Schultern von Sarah.

  „Wie lange bist du schon im Lager?“ fragte Manu.

  „Fünf Wochen.“ Sarah hatte aufgehört zu weinen und zuckte nur mehr von Zeit zu Zeit.

Ich legte mich hin. Zitternd schlang ich meine Arme um meinen Oberkörper.

Ich schloss die Augen. Was würde uns morgen wohl erwarten?

 

Um vier Uhr schrillte eine Glocke. Sofort erhoben wir uns und gingen uns waschen.

Dann rannten wir in den großen Saal, wo wir als Frühstück ein bisschen wässrigen Kaffeeersatz zu trinken bekamen.

Anschließend mussten wir in den Schlafsaal zurück und die Leichen der Verstorbenen der letzten Nacht nach draußen bringen und sie in einen Graben werfen.

Dann mussten wir wieder in Zehnerreihen antreten und wurden gezählt.

Die Leichen abgezogen waren wir vollzählig. Es fehlte keiner.

Nach der Zählung wurden wir als Gruppen zum Straßenbau und zu anderen anstrengenden Arbeiten gebracht. Dort schufteten wir bis zum Abend.

Auch während der Arbeit brachen immer wieder Arbeiter vor Schwäche zusammen und wurden einfach erschossen und liegen gelassen.

Am Abend mussten wir die Leichen der Arbeiter ins Lager mitnehmen.

Im Lager angekommen gingen wir zum Essen. Ich aß nur die Hälfte meines Brotes, die andere Hälfte steckte ich mir ein. Für Morgen.

Manu tat es mir gleich.

Dann mussten wir zum Appell und wurden gezählt. Einer fehlte. Die Soldaten tobten. Sie stellten zehn Männer aus unseren Reihen auf und erschossen sie. Einfach so. Einfach hier vor uns. Zehn Menschen. Schuldlos. Wehrlos.

Sarah weinte wieder, als wir nach dem Waschen auf unserem Stroh lagen.

Ich weinte auch. Leise. Mein Magen knurrte wie ein böser Hund.

Jemand schob mir ein bisschen Brot in den Mund und strich sanft über mein Haar. Manu.

  „Danke.“, flüsterte ich mit zitternder Stimme.

  „Weine nicht, spare die Kräfte, wir sind machtlos?“, wisperte er.

  „Ich kann nicht.“ flüsterte ich. Er war stark. Er war stolz.

Manu sagte nichts mehr. Ich drehte mich auf den Rücken und begann

wieder zu zittern, ob vor Kälte oder Hunger, oder Trauer – es schüttelte mich und die Zähne klapperten. Ich spürte eine Hand, die nach meiner Hand griff. Sie war warm und verströmte Geborgenheit. Manus Hand.

Ich klammerte mich an sie wie an eine rettende Boje.

So schlief ich ein.

 

So vergingen erst Tage, dann Wochen und schließlich Monate. Ich weinte nicht, ich schlief so viel ich konnte trotz Hunger, ich sparte meine Kräfte – ich wollte leben! Sechs Wochen vergingen und dann weitere Wochen. Irgendwie schaffte ich es, nicht zu sterben, mich nicht aufzugeben.

Im Oktober 1944 fehlten auf einmal sehr viele Arbeiter und Arbeiterinnen. Vor allem Juden. Ich fragte Manu, ob er wüsste, wo die alle hingekommen seien, da sagte er: „Ich glaube, sie leben nicht mehr.“

  „Wieso so plötzlich und so viele? Und wo ist Sarah?“

  Manu zuckte mit den Schultern, doch ich war mir sicher, er wusste mehr und wollte es nicht sagen.

Manu fuhr mit seinem Ärmel über meine Wange. Ich nahm seine knöcherne Hand und sagte: „Ich komme hier wieder raus. Aber lebend, mit dir.“

Manu nickte nur. Schon lange gab er mir  jeden Abend einen Happen seines Brotes ab. Er sagte: „Wenn dein Magen knurrt, kann ich nicht schlafen. Ich fürchte mich dann.“

 

Wir wurden schwächer, sodass wir während der Arbeit oft taumelten und uns gegenseitig stützten. Merken durfte das niemand, sonst war es vorbei. Wer nicht mehr zur Arbeit taugt, war nur ein unnötiger Esser. Vor dem Appell rieben wir uns die Wangen rot, dass wir für kräftig und frisch gehalten wurden, was wohl verlorene Liebesmüh war, weil wir ausgesehen hatten wie Vogelscheuchen.

Neben mir lag in der Nacht ein Neuer, der erst vor kurzem angekommen war. Ich mochte ihn nicht besonders.

Vor allem, weil da einst Sarah lag.

Die Nächte waren eiskalt, und die Zahl der Toten am Morgen nahm zu.

Eines Nachts, als ich mit klappernden Zähnen und knurrendem Bauch wach lag, hörte ich, wie Manu etwas im Schlaf flüsterte. Ich beugte mich über ihn.

  „Manu?“, flüsterte ich.

  „Lena?“, flüsterte er. Offenbar hatte ich ihn aufgeweckt.

  „Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Du hast im  Schlaf geredet.“ Sagte ich.

  „Du, Lena, komm mal.“, flüsterte Manu.

  „Ich bin ja eh da.“, flüsterte ich und beugte mich tiefer über ihn.

Manu nahm meine Hand.

  „Lena, “ sagte er, „Lena, wenn wir hier lebend herauskommen, dann heiraten wir.“

Mein Herz wurde arm und ich hörte auf mit den Zähnen zu klappern.

  „Ja.“ flüsterte ich. „Ja, wenn wir hier lebend herauskommen,  dann heiraten wir.“

Da zog Manu an meiner Hand. Ich kippte vornüber und landete auf ihm. Einen Moment blieb ich still liegen. Er schlang seine Arme um mich.

Es war wie ein Bündnis, das wir in diesem Moment schlossen, hinter Stacheldraht in einer mondlosen Nacht im Stall.

Dann drehte ich mich auf die Seite und blieb dicht bei ihm liegen.

Er strahlte eine angenehme Wärme aus.

Ich musste lächeln und war für einen Moment glücklich. Mit Manu`s Gesicht vor meinem inneren Auge schlief ich ein.

 

Die Zeit verging, bald hatten wir Dezember, dann Januar. Im Januar brachen viele zu Todesmärschen (das wussten wir natürlich damals noch nicht – es gab eine neue Hoffnung, auf einem solchen Marsch zu entkommen!), in andere Konzentrationslager auf. Viele Häftlinge wurden auch einfach erschossen.

Doch Manu nicht, und ich auch nicht. Obwohl ich Jüdin war!

 

Endlich, am 27. Januar 1945 wurden wir von der roten Armee befreit. Wir waren dabei! Wir hatten überlebt! Hatten wir es geschafft?

Mit uns hatten 7000 Häftlinge das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Doch wie sahen wir aus?

Bleich, krank, schmutzig und extrem dünn. Dünn waren alle, aber die, die schon seit 1940 im Lager waren, sahen am schlimmsten aus. Wie Skelette mit Haut. Nur dass diese Skelette noch lebten.

 

Viele Menschen starben nach ihrer Befreiung. An Schwäche, Krankheit oder an zu schneller Nahrungsaufnahme.

 

1949 hielten Manuel und ich Hochzeit. Wir hatten wieder ein bisschen Gewicht zurückbekommen. Äußerlich sahen wir wieder fast „normal“ aus.

Wir hatten aber unsichtbare Wunden, die nie mehr heilten, die unsere fortwährenden Begleiter waren. Die Dankbarkeit überlebt zu haben überstrahlte aber alles –

Wir bekamen zwei Kinder: ein Mädchen, Sarah und einen Jungen, Jan.

 

 

 

 

Ich hoffe es hat euch auch berührt! Liebe Grüße, Kerstin für ellathefay!